• Romy von kokodu

Wenn Mama die Kinder verlässt

Aktualisiert: Sept 19

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Mutti sich in den heißen Phasen der Liebchen ganz weit weg wünscht. Während ich mich in solchen Zeiten gern für eine Nacht im Hotel verkrieche, entscheiden sich andere Frauen dauerhaft zu gehen. Wenn Mama die Kinder verlässt, stößt das oft auf Unverständnis. In klassischen Familienkonstellationen kennt man es oft nur anders herum - wenn Papa auszieht und jedes zweite Wochenende oder eben gar nicht mehr vorbeischaut.

Familie Gerber posiert für ein Familienfoto in der Brühler Innenstadt.
Friede-Freude-Eierkuchen? Oft, aber nicht immer. Auch bei uns krachts. Und dann wünsche ich mich weg.

Das gängige Rollenklischee gibt es also auch in Trennungsangelegenheiten. Dass Mama geht, nee.... So was gibt’s doch nicht. Oder doch? Ein Blick ins Netz zeigt, dass es viele Mütter gibt, die offen darüber sprechen, warum sie ihren weiteren Lebensweg alleine gehen wollen. Weniger häufig kommen allerdings diejenigen zu Wort, die es am Ende vor allem trifft: die Kinder.


Mein Freund Andreas war so ein Kind. Seine Mutter ging, da war er gerade mal fünf Jahre alt. Alt genug um zu begreifen, das die ihm am nächsten stehende Person plötzlich nicht mehr zu seinem Alltag dazugehört. Als mittlerweile glücklich verheirateter Familienvater kann er mit gesundem Abstand auf seine Kindheit und Jugend zurückblicken. Ich möchte von ihm wissen, wie er diese prägende Zeit ohne Mutter erlebt hat. Und ob er sich „mutterseelenallein“ gefühlt hat.


Hallo Andreas. Wie hast du den Moment erlebt, als deine Mutter fortgegangen ist?

Als mein Bruder und ich eines Tages aus der Kita kamen, da war meine Mutter weg. Mein Vater hat uns gesagt: "Eure Mutter ist ausgezogen. Ihr wohnt jetzt hier bei Papa." Das war ein Schock. Es hat sich so angefühlt, als hätte uns mein Vater erzählt, dass Mama gestorben wäre. Mein Bruder und ich haben geheult. Wir wollten das nicht.


Ist deine Mutter dann völlig aus deinem Leben verschwunden?

Nein. Meine Mutter ist erst einmal in die unmittelbare Umgebung gezogen. Anfangs haben wir die Wochen halb bei meiner Mutter, halb bei meinem Vater gewohnt. Später hat sich der Kontakt zu ihr auf die Schulferien beschränkt.


Hast du dich von ihr ungeliebt gefühlt?

Nein, so haben weder ich noch mein Bruder gefühlt. Dazu haben wir unsere Mutter viel zu sehr vergöttert. Mama ist die tollste Frau der Welt - auch mit wenig Kontakt. Das erste mal an ihr gezweifelt habe ich, da war ich ein Teenager. Bei mir zuhause lief es nicht gut und ich habe sie gefragt, ob ich bei ihr wohnen könnte. Sie wollte das nicht. Ich habe das nicht verstanden und mich im Stich gelassen gefühlt.


Mann trägt kleines Mädchen auf dem Arm.
Familienmensch Andreas. Meine Jüngste liebt ihn.

Hat man euch damals erklärt, wieso eure Mutter weggegangen ist?

Nein. Wir waren aber auch einfach noch zu klein. Ich war 5, mein Bruder war 3 Jahre alt. Ich habe auch nie nach den Gründen gefragt. Auch später nicht, als ich älter war. Ich tippe, dass die Beziehung meiner Eltern im Eimer war. Die beiden waren Anfang 20 als ich auf die Welt kam. Ich kann mir vorstellen, dass meine Mutter einfach mehr wollte im Leben als nur Mutter sein. Freiheit, Unbahängigkeit, so was eben. Ich glaube, dass es ihr schwerfällt, Verantwortung zu übernehmen. Das merke ich auch heute, wenn sie mal zu Besuch ist. Statt mal mit anzupacken, während ich gleichzeitig koche und Kinder betreue, kritisiert sie, wie ich das Gulasch zubereite.


Hast du rückblickend Verständnis für ihre Entscheidung?

Aus heutiger Sicht ja. Wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert, dann sollte man sich trennen. Menschen verändern sich. Meine Eltern haben sich damals bestimmt auch gewünscht, für immer glücklich zu sein. Aber das hat nun mal nicht geklappt. Ich hätte mir nur gewünscht, dass sie trotz Trennung für mich da gewesen wäre. Aber dazu war sie ganz offensichtlich nicht in der Lage.


Was hat das als Kind mit dir gemacht?

Meine Mutter hat mir brutal gefehlt. Ich wollte eine intakte Familie, ein intaktes Zuhause. So, wie ich es gewohnt war. Mein Vater war maßlos überfordert mit zwei Kindern. Ich hatte kurzzeitig eine Stiefmutter - aus dieser Beziehung ist dann auch noch ein Kind entstanden. Aber diese Konstellation war einfach nicht dieselbe. Ich konnte diese Frau nicht ausstehen. Auch heute merke ich, wie wichtig mir eine intakte Familie ist. Deshalb gehe ich auch bewusst mit dem Thema "Familie" um.


Inwiefern?

Meine Familie hat oberste Priorität. Ich bin ein gebranntes Kind, was gestörte familiäre Beziehungen angeht. Dehalb tue ich auch alles, um das Verhältnis zu meiner Frau und zu meinen Kindern nicht zu versauen. Vielleicht auch aufgrund meiner Kindheit habe ich ein paar schlechte Charaktereigenschaften entwickelt, die ab und zu durchscheinen. Jähzorn zum Beispiel. Zum Glück habe ich in meiner Frau eine starke Partnerin gefunden, die mich direkt darauf anspricht und mich in die richtige Bahn lenkt. Wir stehen auf Augenhöhe und respektieren einander. Ich bin froh und dankbar, dass wir so ein gutes Team sind.


Du und deine Mutter habt noch Kontakt. Wie ist das Verhältnis zwischen euch?

Im Laufe der Zeit habe ich emotional Abstand genommen. Es ist einfach zu viel passiert. Heute reduziere ich den Kontakt aufs Nötigste. Sie ist die Frau, die mich geboren hat. Nicht mehr.


Und wie wie stehst du zu deinem Vater?

Nüchtern. Er war für uns da, aber es gab es nichts Väterliches an ihm. Er war wahrscheinlich zu sehr damit beschäftigt, dass alles irgendwie läuft. Ich habe dann früh gelernt, selbständig zu sein. Ich bin früh ausgezogen und unser Kontakt hat sich auf Telefonate beschränkt, die nicht mehr als 30 Sekunden gedauert haben. Heute, ohne Verantwortung für seine mittlerweile erwachsenen Kinder, hat er sich entspannt und unser Verhältnis ist deutlich besser geworden. Wir verbringen viel mehr Zeit miteinander.


Was denkst du über die klassische Familienkonstellation "Mutter, Vater, Kind"? Es gibt so viele Modelle - auch ohne Mutter - die prima funktionieren.

Meine Mutter hat mir als Kind gefehlt, weil sie meine engste Vertraute war. Diese wichtige Stütze ist weggebrochen. Kinder brauchen immer starke Bindungen in ihrer frühesten Kindheit. Da ist es vollkommen egal, welche Person, mit welchem Geschlecht und Verwandschaftsgrad. Wichtig ist ein Mensch, der verlässlich und präsent ist.



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