• Romy

188 Päckchen Butter - Wenn das Gewicht Gewicht hat

Aktualisiert: Mai 8

In einem meiner Beiträge habe ich davon erzählt, dass ich mich mit anderen Eltern ungern über das Thema Ernährung austausche. Man kann einfach sehr lang und atmig über Sojaschnipsel in Hackfleischverkleidung oder über Gourmet-Filets vom Lidl-Rind diskutieren. Tatsächlich gab es aber eine Zeit, in der insbesondere das "gesunde" Essen eines meiner Hauptbeschäftigungen war. Ein bisschen irre, ein bisschen tragisch und in jedem Fall gesundheitsgefährdend.



In der Kita meiner beiden Töchter ist das Thema „Ernährung“ - wie in jeder anderen Kita auch - ein großes Thema. Mein neuester Austausch im Elternbeirat über gesunde Kost ließ mich zu einer Aussage hinreißen, die mir die Goldene Himbeere für die Hausfrau des Jahres 2021 einbringen könnte: „Ich bin ja ein liberaler Allesesser und mein Mann kann froh sein, wenn er mittags unter der Woche was Gekochtes bekommt.“ Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich einen ordinären Papp-Burger schätze und Fritten grundsätzlich genauso liebe wie meine Mascara in extra Schwarz. Aber nicht jeder weiß, dass ich vor 14 Jahren jede einzelne Fritte in Kalorien umgerechnet und peinlich genau dokumentiert hatte.


47 Kilo bei 167 cm Körpergröße


Ich kannte sie alle, die Kalorien in der Herrenschokolade, im Dinkel-Vollkornbrot, in der fettfreien Margarine und im Eisbergsalat. Zum Schluss wog ich bei einer Körpergröße von 167 cm gerade mal 47 Kilo. Das sind genau 188 Päckchen Butter… die ich zu dieser Zeit freilich nicht angerührt habe. Nur mal so zum Vergleich: Meinen Mann könnte ich mit 440 Päckchen Butter aufwiegen. Ohne Mann und Kinder habe ich damals als Studentin in meiner umfangreichen Freizeit neben meinem „Zweitstudium der Diät“ einfach nur noch Sport gemacht: Morgens den Aerobic-Kurs an der Uni, mittags ne Runde laufen, abends Geräteturnen im Fitti. Und das am besten an sechs Tagen in der Woche. Ganz schön viel, ganz schön behämmert.


Als durchschnittlich eitle Person habe ich schon immer gerne darauf geachtet, welche Hose zu welchem Schuh passt und welcher Lippenstift sich in der Farbe meiner Socken am besten wiederfindet. Besonders quälende Gedanken wegen zu dicker Beine oder zu kleiner Hupen habe ich mir nicht gemacht. Ich war schon immer sehr schlank und sehe auch heute, so ohne Diät-Dogma, recht unterernährt aus. Der Ursprung des Kalorien-Dramas war medizinischer Natur: Zellveränderungen an der Cervix, die sich durch ausgewogene, gesunde Ernährung und Bewegung wieder zurückbilden können. Die Motivation zur Lebensumstellung war und ist also durchaus berechtigt - der Beinahe-Ausrutscher in die Magersucht allerdings mehr als bedenklich.



"Ich will das Essen für meine Kinder nicht zum Riesenthema machen"

Es hat durchaus einige Jahre gedauert, bis sich mein Verhalten und die Psyche im Hinblick auf Ernährung und Sport entspannt haben. Eine Essstörung ist nichts, das man von jetzt auf gleich abstellen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Zusammenleben mit meinem Mann sein Übriges getan hat, mit dem Kalorien-Gegurke aufzuhören. Und spätestens mit der Familie lässt sich eine wie auch immer geartete Diät mit stundenlangen Sporteinheiten nicht wirklich gut vereinbaren. Natürlich achte ich weiterhin darauf, was auf den Teller kommt. Nur verfolge ich eben keine besondere Ernährungsstrategie. Ich will das Essen für meine Kinder nicht zum Riesenthema machen. Und ich will mich nicht dafür schämen, dass wir uns ab und zu einen Papp-Burger mit Fritten gönnen.

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