• Romy von kokodu

Die Kombiklasse: DAS Zukunftsmodell?

Einschulung mit Maske und Abstand, Präsenzzeit in kleiner Runde und semi-professionelles Homeschooling - das erste Schuljahr hat mein Großer in dieser besonderen Zeit nun hinter sich gebracht. Sein Fazit: „Mega cool“. Meine Reaktion: „Na Gottseidank!“ 30 Prozent meiner Erleichterung sind den überstandenen Lockdowns geschuldet. 70 Prozent der Tatsache, dass mein Sohn in der Kombiklasse gut angekommen zu sein scheint. Mein Großer besucht nämlich eine jahrgangsübergreifende Klasse und lernt dort mit 6- bis 10-Jährigen. Ich war skeptisch. Ob das funktioniert?


Mutter und Sohn stehen mit einer Schultüte bei der Einschulung vor der Schule.
Stolz wie Oscar. Mein Sohn auch.

Ob sich mein Sohn mit Älteren zurechtfindet?

Diese Art von Klassenverband kannte ich bis dahin nur aus der Serie „Unsere kleine Farm“. Da haben sie im 19. Jahrhundert auch total harmonisch miteinander lesen und schreiben gelernt. Aber seien wir mal ehrlich: Die Serie liegt in der Friede-Freude-Eier-Kategorie irgendwo zwischen der Biene Maja und Heidi. Und selbst Heidi hat in ihrer älmischen Schullaufbahn bestimmt gern mal fies die Erstklässler gedisst. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sich mein kleiner Ari in einer bestehenden Gemeinschaft mit sehr viel älteren Kids zurechtfinden würde.


Gefunden hat mein Sohn nach einem Jahr Kombiklasse dann doch so einiges: neue Lieblingsmenschen, tolle Lehrkräfte, Gemeinschaftssinn und ein sehr gutes Verständnis für zusammenhängende Buchstaben. Sein „mega cool“ trifft es wirklich. Meine anfängliche Skepsis gegenüber der Schulform hätte ich mir schenken können. Der Klassenlehrer meines Sohnes kennt die Bedenken einiger Eltern. „Vertrauen Sie uns“, bat er uns Erstklässler-Eltern beim ersten Gespräch um einen Vertrauensvorschuss. „Es ist vielleicht erst mal ungewohnt. Aber wir wissen, was wir tun. Das Konzept funktioniert!“


Ein System, das auch Lehrer enorm motiviert

Reini, so wird der Lehrer von meinem Großen liebevoll genannt, arbeitet seit gut 9 Jahren an der Nikolaus-Schule in Bornheim Waldorf - und hat noch immer ziemlich viel Bock auf seinen Job. Liegt vielleicht auch daran, dass das Zukunftsmodell der Kombiklasse nicht nur für positive Dynamik innerhalb der Klassengemeinschaft sorgt. Die Lust am Lernen überträgt sich auch auf die Lehrkräfte. Ich habe mit Reini, der außerhalb der Schule Jan Reiners heißt, gesprochen. Ich wollte wissen, warum die jahrgangsübergreifende Klasse so zukunftsweisend ist:



Hallo Jan! Welches Konzept steckt hinter den jahrgangskombinierten Klassen?

Hallo Romy! In unserer Schule nutzen wir das Prinzip der Heterorgenität. Wir setzen auf die Vielfalt und fördern das soziale Lernen. Die Kleinen lernen von den Großen, die Großen gewinnen an Selbstvertrauen, wenn sie den Kleinen etwas erklären. Diese Art des Zusammenseins kennen die meisten Kinder ja schon aus der Familie mit älteren oder jüngeren Geschwistern, aus der Kitagruppe oder aus dem Verein. Die unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungshorizonte der Kinder ergänzen sich prima und wir nutzen diesen Vorteil für unseren Unterricht.


Lehrer und Schüler posieren mit Maske im Klassenzimmer.
Mein Sohn liebt seinen Reini. Und Reini Hat Spaß am Unterrichten.
Jahrgangsübergreifende Systeme sind Kindern von Grund auf bekannt.

Stichwort Vorteile - kannst du mal kurz zusammenfassen, welche das sind?

Die Kleinen bekommen mehr Anreize durch die Größeren: Wenn die Älteren zum Beispiel Lernplakate, Geschichten oder Forschungen vorstellen und dabei ganz tolle Wörter benutzen, bleibt das bei den Jüngeren hängen. Dadurch erweitern sie ihren Horizont vielleicht stärker als in einer jahrgangsbezogenen Klasse. Als Helfer des Tages unterstützen mich die älteren Kinder beim Unterricht und nehmen diejenigen an die Hand, die eine Frage haben. Dadurch, dass sie den Kleinen etwas erklären, verinnerlichen die Großen den Lernstoff viel besser. Und ich habe etwas mehr Zeit für die Kinder, die durch die Helfer des Tages noch nicht weitergekommen sind. Ein weiterer Vorteil ist, dass Kinder nicht als "der oder die Schwächste" in der Klasse stigmatisiert werden. Es kommen ja jedes Jahr neue Erstklässler in die Klasse. Da kann ein ehemals lernschwaches Kind in der 2. Klasse plötzlich dem Neuzugang Dinge erklären. Dadurch erfahren sie Anerkennung und das stärkt natürlich das Selbstbewusstsein.


Und "sitzenbleiben" wird dann wahrscheinlich auch besser aufgefangen als in einer jahrgangsbezogenen Klasse?

Genau. Die Kinder bleiben mit der gleichen Lehrkraft als Vertrauensperson in der gleichen Klasse und sind dann einfach ein Jahr länger bei uns in der Gruppe.


Und was sind die Nachteile?

Ich glaube für das Kollegium ist die Organisation des Unterrichts und die Erstellung eines Fahrplans erst mal viel Arbeit. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass die Kinder strukturiert arbeiten können. Und ab und an ist es auch so, dass wir für manche Themen vielleicht quantitativ nicht so viel Zeit haben, aber dafür deutlich qualitativere in der individuellen Begleitung ... Zudem gibt es ja auch noch die Teilungsstunden, wo nur Kinder aus einem oder zwei Jahrgängen begleitet werden. Ein Beispiel: Wenn ich eine vierte Klasse für eine Klassenarbeit vorbereite, dann müssen die anderen Kinder natürlich auch an ihrem Lernstoff weiterarbeiten. Dafür gehen wir dann aber individuell auf die Bedürfnisse der Kinder ein. Bei uns arbeiten auch nicht alle immer an den gleichen Aufgaben. Jeder arbeitet in seinem eigenen Tempo. Das kann bei dem einen in Mathe Seite 5 sein, bei dem anderen Seite 15.


Und woher weißt du, dass alle auf einem Bildungsstand sind?

Bei uns finden individuelle Leistungsabfragen statt. Da gucken wir, wie fit die Kinder im jeweiligen Fach sind und verhindern, dass sie unbemerkt durchs Leistungsraster rutschen. Der Zeitpunkt der Überprüfung ist aber auch hier bei jedem Kind anders. Manche Kinder interessieren sich halt besonders für den Sachunterricht und beschäftigen sich drei Wochen lang nur mit Dinos oder dem Weltraum. Das muss ich als Lehrer aushalten können und darauf vertrauen, dass das Thema dann auch irgendwann durch ist. Wenn die Dinos und das All weiterhin Lieblingsthema bleiben, dann greife ich natürlich ein und lenke die Aufmerksamkeit auf ein anderes Projekt.

Die Nachfrage an unserer Schule ist riesig.

Wie ist das allgemeine Feedback?

Als wir 2005 vom jahrgangsbezogenen System auf eine gemischte 1. und 2. Klasse umgestellt haben, empfanden das die Eltern damals als hilfreich. Gerade vor dem Hintergrund des selbständigen Lernens. Als wir 2010 das Prinzip des gemeinsamen Lernens auf die 3. und 4. Klasse ausgeweitet haben, mussten wir anfangs schon um neue Schüler werben. Viele Eltern kannten das System nicht und konnten sich - wie du ja auch - nicht vorstellen, wie das funktioniert. Mittlerweile ist die Anfrage aber so riesig geworden, dass wir leider echt viele Kinder ablehnen müssen. Unsere Plätze sind leider begrenzt. Unterm Strich gibt es natürlich auch schon mal Eltern, die etwas auszusetzen haben. Aber ganz, ganz viele Kinder und Eltern finden die jahrgangsübergreifende Klasse super. Das sieht man auch an der Anmeldung der Geschwisterkinder.


Gibt es für Eltern Infoveranstaltungen?

Ja, wir haben einen Tag der offenen Tür. Interessierte Eltern können aber auch - soweit Corona das aktuell zulässt - gerne einen Tag bei uns hospitieren. Das bringt manchmal auch mehr, als wenn ich ihnen davon erzähle.


Woher weiss ich, ob mein Kind für die Schulform geeignet ist?

Grundsätzlich glaube ich, dass eigentlich jedes Kind in diesem System bestens klarkommen kann, aber ganz sicher kann man es natürlich erst erfahren, wenn das Kind in der Schule ist und dort lernt. Ich glaube nicht, dass man von vornherein sagen kann, dass ein Kind nicht für die Schulform geeignet ist. Für die Kids ist ein jahrgangsübergreifendes System außerhalb der Schule wie gesagt ja nicht unbekannt und sie kommen damit sehr gut zurecht. Trotzdem kenne ich einen Fall, wo ein Elternpaar das Kind von der Schule genommen hat, weil sie der Ansicht waren, dass eine jahrgangsbezogene Klasse besser funktioniert. Aber das ist dann auch in Ordnung.


Gibt es im Vergleich zur jahrgangsbezogenen Klasse Probleme beim Übergang in die weiterführende Schule?

(überlegt) Ich wüsste tatsächlich nicht, wo es da Probleme geben könnte. Die Kinder lernen eigenständig zu arbeiten und sozial zu lernen. Kognitiv entstehen dadurch keine Nachteile. Ich sehe da eher das Problem, dass Lehrkräfte an weiterführenden Schulen gerne den gleichen Standard erwarten. Ich denke aber, dass unsere Kinder gerade aufgrund ihrer Selbständigkeit ganz gut dafür gewappnet sind.


Mit welchen Vorurteilen wirst du konfrontiert?

Häufig werde ich gefragt, ob ich denn das ganze Material für die Klassen 1 bis 4 organisiert bekomme, ob ich mitkriege, was die Kinder laut Lehrplan alles geschafft bekommen. Ob ich die unterschiedlichen Kompetenzen und die Kinder im Blick habe ... und, und, und. Eltern können sich oft nicht vorstellen, wie Kinder zwischen 6 und 10 Jahren alle gleichzeitig lernen können. Aber wir erarbeiten auch häufig die gleichen Themen - aber eben auf unterschiedlichem Niveau


Gute Organisation ist das A und O.

Hast du „mehr“ Arbeit als eine Lehrkraft einer jahrgangsbezogenen Klasse?

Ich glaube schon, dass wir mehr Arbeit haben. Das ist vielleicht auch der Grund, wieso das jahrgangsübergreifende System nicht so verbreitet ist. In unserer Schule haben wir uns gut organisiert und genügend Arbeitspläne erstellt oder Lernmaterialien so ausgesucht, dass die Kinder auch selbständig lernen können. Das ist dann schon ein bisschen aufwändiger. Auf der anderen Seite muss ich als Lehrer dann aber auch keine 24 Erstklässler neu eingewöhnen. Sondern nur 7. Und ich habe weniger pubertierende Halbstarke in der Klasse. Das ist auch ein Vorteil (lacht).


Hat die Kombiklasse Zukunft?

Im Moment ist es so, dass das jahrgangsübergreifende Modell von Klasse 1 bis 4 ganz klar in der Minderheit ist. Ich bin davon überzeugt, dass die Kinder von der Heterogenität in der Klasse profitieren. Und auch für kleinere Schulen kann das ein System hilfreich für rückläufige Schülerzahlen sein. Ich glaube aber auch, dass es natürlich an jeder Schule selbst liegt, wie gut das System umgesetzt wird. Und ich denke, dass auch jahrgangsbezogene Klassen Vielfältigkeit zu ihrem Vorteil nutzen können. Es steht und fällt halt mit den Leuten, die dahinter stehen.



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